Privataudienz mit dem Heiligen Vater

Castel Gandolfo - 16. September 2005


Am 26. September um 12 Uhr gewährte der Heilige Vater im Hof des Apostolischen Palasts von Castel Gandolfo eine Audienz für die Teilnehmer am internationalen Kongress "Die Heilige Schrift im Leben der Kirche", der im Aurelia Convention Center in Rom stattfand. Der Kongress wurde gemeinsam von der Katholischen Bibelföderation und dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen ausgerichtet, um den 40. Jahrestag der Veröffentlichung der dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Göttliche Offenbarung Dei Verbum zu begehen.

Während der Audienz hielt Benedikt XVI. folgende Ansprache:

 

Meine Herren Kardinäle,

verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,

liebe Brüder und Schwestern,

ich entbiete meinen herzlichsten Gruß euch allen, die ihr am Kongress Die Heilige Schrift im Leben der Kirche teilnehmt, der von der Katholischen Bibelföderation und dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen veranstaltet wird, um den vierzigsten Jahrestag der dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung Dei Verbum zu feiern. Ich beglückwünsche euch zu dieser Veranstaltung, die an eines der wichtigsten Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils anknüpft.

Ich grüße die Herren Kardinäle und Bischöfe als hervorragende Zeugen des Wortes Gottes, die Theologen, die das Wort erforschen, erklären und in die heutige Sprache übersetzen, die Seelsorger, die in ihm geeignete Lösungen für die Probleme unserer Zeit suchen. Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei all denen, die im Dienste der Übersetzung und Verbreitung der Bibel tätig sind und die Hilfsmittel bereitstellen, um die Botschaft zu erläutern, zu lehren und zu interpretieren. In diesem Sinn gilt mein ganz besonderer Dank der Katholischen Bibelföderation für ihre Aktivitäten, für die von ihr geförderte Bibelpastoral, für die Treue zu den Weisungen des Lehramtes und für den Geist der Offenheit für die ökumenische Zusammenarbeit im biblischen Bereich. Ich verleihe meiner tiefen Freude darüber Ausdruck, dass am Kongress auch Vertreter der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften des Ostens und des Westens teilnehmen, und ich grüße voll herzlicher Ehrerbietung die Vertreter der großen Weltreligionen.

Die dogmatische Konstitution Dei Verbum, mit der sich für mich ein persönliches Zeugnis verbindet, da ich als junger Theologe an den lebhaften Diskussionen rund um ihre Ausarbeitung teilnehmen durfte, beginnt mit einem Satz von tiefer Bedeutung: "Dei Verbum religiose audiens et fidenter proclamans, Sacrosancta Synodus ...". Mit diesen Worten beschreibt das Konzil ein Wesensmerkmal der Kirche: Sie ist eine Gemeinschaft, die das Wort Gottes hört und verkündet. Die Kirche lebt nicht aus sich selbst, sondern aus dem Evangelium, und aus dem Evangelium gewinnt sie stets aufs Neue Orientierung für ihren Weg. Diese Charakterisierung muss jeder Christ beherzigen und auf sich selbst anwenden; nur wer sich zuerst dem Wort im Hören öffnet, der kann es dann auch verkünden. Und er darf nicht seine eigene Weisheit lehren, sondern die Weisheit Gottes, die in den Augen der Welt oft als Torheit erscheint (vgl. 1 Kor 1,23).

Die Kirche weiß, dass Christus in den Heiligen Schriften lebt. Deshalb hat sie die göttlichen Schriften - wie die Konstitution unterstreicht - immer verehrt wie den Herrenleib selbst (vgl. DV 21). Und in eben diese Richtung zielt das so treffende Wort des heiligen Hieronymus, das vom Konzilsdokument zitiert wird: Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen (vgl. DV 25).

Kirche und Wort Gottes sind untrennbar miteinander verbunden. Die Kirche lebt das Wort Gottes und das Wort Gottes findet Widerhall in der Kirche, in ihrer Lehre und in ihrem ganzen Leben (vgl. DV 8). Daher mahnt uns der Apostel Petrus "Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden, denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet." (2 Petr 1, 20).

Wir sind Gott dankbar, dass sich in letzter Zeit, auch dank des von der dogmatischen Konstitution Dei Verbum ausgehenden Impulses, eine tiefer gehende Würdigung der fundamentalen Bedeutung des Wortes vollzogen hat. Das hat zu einer Erneuerung im Leben der Kirche geführt, namentlich in der Predigt, in der Katechese, in der Theologie, in der Spiritualität und auch auf dem Weg der Ökumene. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern und verjüngen, und das Wort Gottes, das nicht altert und nie versiegt, ist dazu das beste Mittel. Denn das Wort Gottes ist es, das, durch die Vermittlung des Heiligen Geistes, immer wieder in die ganze Wahrheit führen wird (vgl. Joh 16, 13).

In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem die alte Tradition der Lectio Divina in Erinnerung rufen und empfehlen. Das eifrige Studium der Heiligen Schrift, begleitet vom Gebet, führt zu jenem innigen Gespräch, bei dem wir unser Herz vertrauensvoll öffnen, Gott hören, wenn wir lesen, und ihn anreden, wenn wir beten (vgl. DV 25). Bei entsprechender Förderung wird diese Praxis der Kirche - davon bin ich überzeugt - einen neuen geistigen Frühling bringen. Als Fixpunkt der Bibelpastoral ist daher die Lectio Divina weiter zu fördern und zu ermutigen, auch durch den Einsatz neuer, gründlich erwogener und zeitgemäßer Methoden. Nie dürfen wir vergessen, dass das Wort Gottes unserem Fuß eine Leuchte ist und ein Licht auf unserem Weg (vgl. Ps 118/119, 105).

Indem ich den Segen Gottes für eure Arbeit, für eure Projekte und für den Kongress erbitte, zu dem ihr euch versammelt habt, schließe ich mich dem Wunsch an, der euch beseelt: dass das Wort des Herrn sich ausbreite (vgl. 2 Thes 3, 1) bis an die letzten Grenzen der Erde, auf dass in der Verkündigung des Heils die ganze Welt durch das Hören glaube, durch den Glauben hoffe, durch die Hoffnung liebe (vgl. DV 1).

Danke von ganzem Herzen!


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